Mein kleiner Engel!

Ich hatte Dir ja versprochen, daß ich Dir noch was schreibe zu unserem kleinen Jubiläum. Hier ist es. :-)

Das war ein wunderbares Halbjahr mit Dir, Engelchen – Wintermonate, in denen wir bei Kerzenschein vorm Kamin gesessen haben und in denen wir uns Geschichten vorgelesen haben, Frühlingstage, in denen wir im Garten gebuddelt und gepflanzt haben und Sommertage, die wir aneinander gekuschelt in unserem Strandkorb verbracht haben. Erinnerst Du Dich noch, daß ich Dir einmal als Fortsetzungsroman Gottfried Kellers „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ vorgelesen habe? Ich konnte die letzten Sätze kaum noch lesen; so nah war ich den Tränen. (Gottseidank hast Du´s nicht bemerkt) – Und erinnerst Du Dich noch, wie Du mir mal am Telephon eine „Einschlafgeschichte“ vorgelesen hast? Sie hat ihre beabsichtigte Wirkung binnen Minutenfrist erreicht. -

Seit es Dich in meinem Leben gibt, weiß ich nun wer Rosalie und Trüffel sind und daß es nicht „rumpel di pumpel“, sondern „rumpel di pumpel di pumpel di pu“ (oder so ähnlich) heißen muß. Seitdem ich Dich kenne erlebe ich Autofahren wieder wie damals im Kinderkarussell und habe mehr Unterhosen. Ich weiß nun wie man Princessböhnchen warm macht und ich kenne dies:

Das ist der Daumen / Der pflückt die Pflaumen / Der sammelt sie auf / Der trägt sie ins Haus / und DER ißt sie alle auf.

Richtig? :-)

Es ist schön, mit Dir im Strandkorb im Garten zu sitzen, wenn der Regen auf unser kleines Zeltchen prasselt. Es ist schön, sich hinter Dir verstecken zu können, wenn im Film das Monster kommt. Es ist schön, wenn Du mich krabbelst und ich lachen muß. Es ist schön, wenn ich mich an Dich kuscheln kann. Es ist schön, wenn Du mir in aller Herrgottsfrühe eine SMS schickst. Es ist schön, wenn wir in einer sternklaren Winternacht unter einer Decke liegen.  Es ist schön, mit Dir im Regen naß zu werden. Es ist schön, mit Dir in einer Sommernacht draußen zu sitzen und in den Sternenhimmel zu schauen. Es ist schön, daß es Dich gibt. – Ich hab´ Dich lieb, mein Engelchen!

Einen deutschen Kaiser, dreizehn Kanzler der Weimarer Republik, einen Diktator und acht Kanzler der Bundesrepublik hast Du erlebt und überlebt, bevor Du heute Deinen 91. Geburtstag feierst. – Ich wünsche Dir zu Deinem diesjährigen Geburtstag Gesundheit und Gottes Segen! -

Mein Vater beim diesjährigen Geburtstag meiner SchwesterMein Vater beim diesjährigen Geburtstag meiner Schwester.

Heute, am Karfreitag, lud das Wetter zu einem Frühlingsspaziergang ein. – In der lauen Luft summten in die ersten Insekten und die Sonne strahlte an einem nahezu wolkenlosen Himmel. Im Dülmener Wildpark waren um die Mittagszeit nur wenige Spaziergänger, die sich in dem überaus weiten Gehege verloren. Aus den Baumwipfeln war das einsame Hämmern eines Spechts zu hören und ein noch zaghaftes Vogelgezwitscher. Ein Eichhörnchen sprang recht sorglos im Unterholz herum und hüpfte dann, nachdem es mich gewahr wurde, mit großen Sätzen eine Kiefer hinauf. In der Nähe eines kleinen Tümpels entdeckte ich eine kleine Eidechse, die sich beim Näherkommen meiner Schritte ins hohe Gras flüchtete. – Natur und Tierwelt erwachen wieder zum Leben. Mit zunehmendem Alter löst dieses Erwachen eine größere Melancholie in mir aus. -

Frühlingsimpression aus dem Dülmener Wildpark in der Nähe des Merfelder BruchsFrühlingsimpression aus dem Dülmener Wildpark in der Nähe des Merfelder Bruchs.

Weitere Photos von meinem Spaziergang

Die moderne Naturwissenschaft zeigt sich in einer merkwürdigen Janusköpfigkeit: Einerseits ist sie ein Instrument, mit dessen Hilfe wir die Verfügbarkeit der Natur vorantreiben, andererseits ist sie aber auch ein Instrument, das allererst die Natur als eine gegen die Sinninteressen des Menschen rücksichtslose und übermächtige Instanz offenbart. Das wissenschaftlich-technische Wissen erscheint in der Folge zwar auch als Mittel der Daseinsbewältigung, aber eben auch als eines der Daseinskränkung. Mit dem Übergang vom Spätmittelalter zur Neuzeit äußert sich diese Janusköpfigkeit der Naturwissenschaften als zunehmender Zweifel an der Konvergenz von Erkenntnis und Glück, welche noch für die Antike und das Mittelalter selbstverständlich war. Wissen ist keine Quelle des Glücks mehr, sondern Ursache eines Unbehagens, welches sich daran entzündet, daß der Mensch sich nicht länger als Geschöpf in einer für ihn geschaffenen Welt sieht; er ist nicht länger eingesetzt, sondern ausgesetzt in einer Welt, welche ihm zwar die Sorge um sein Dasein abverlangt, die ihrerseits aber um das sorgende Wesen unbekümmert ist. -

Dieser Prozeß der Wissensvermehrung, der mit den modernen Naturwissenschaften einsetzt, trägt hinsichtlich des menschlichen Glücksstrebens die Signatur der Enttäuschung. Es darf bezweifelt werden, ob Wissen glücklich macht. Eine der berühmten Textstellen in diesem Zusammenhang findet sich in Freuds Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (Studienausgabe, Bd. 1, Frankf. 1989; S. 283):

„Zwei große Kränkungen ihrer naiven Eigenliebe hat die Menschheit im Laufe der Zeiten von der Wissenschaft erdulden müssen. Die erste, als sie erfuhr, daß unsere Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist, sondern ein winziges Teilchen eines in seiner Größe kaum vorstellbaren Weltsystems. Sie knüpft sich für uns an den Namen Kopernikus [...] die zweite dann, als die biologische Forschung das angebliche Schöpfungsvorrecht des Menschen zunichte machte, ihn auf die Abstammung aus dem Tierreich und die Unvertilgbarkeit seiner animalischen Natur verwies. Diese Umwertung hat sich in unseren Tagen unter dem Einfluß von Charles Darwin [...] vollzogen. Die dritte und empfindlichste Kränkung aber soll die menschliche Größensucht durch die heutige psychologische Erforschung erfahren, welche dem Ich nachweisen will, daß es nicht einmal Herr ist im eigenen Hause, sondern auf kärgliche Nachrichten angewiesen bleibt von dem, was unbewußt in seinem Seelenleben vorgeht.“ -

Möglicherweise ließe sich zu diesen „Kränkungen“ noch eine vierte anführen, nämlich die der Neurowissenschaften, welche sich anschicken, die menschliche Willensfreiheit als eine von Gehirnaktivitäten abkünftige zu entlarven. -

Wie läßt sich in einer Welt leben, die um die Sinnbelange des Menschen unbekümmert ist? – Der exemplarische Vollzug der Philosophie war einst die Betrachtung des Himmels. Als contemplator coeli war der Mensch berufen, die Zeichen des Himmels als eine für ihn von Gott geschriebene Botschaft zu empfangen und im Buch der Natur sowie im Buch der Offenbarung zu lesen. Mit Kopernikus, Kepler und Galilei mehren sich die Zeichen für das Ende aller Zeichen. Der Kosmos schweigt. „Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschreckt mich,“ schreibt Pascal in seinen Gedanken. Die entzauberte Welt ist nicht länger vollkommende Schöpfung eines vollkommenen Schöpfers. Der Mensch hat seine Zentral- und Sonderstellung in dieser Welt verloren. Er ist aus dem Zentrum der Welt „herausgefallen“, wie Nietzsche schreibt. – Die Aufklärung hat uns die Selbstbehauptung der Vernunft angesichts des Absolutismus der Wirklichkeit gelehrt – aber ist Vernunft die einzig mögliche Form des Umgangs mit diesem Absolutismus?

Hans Blumenberg hat den Prozeß des schrittweisen Sichabfindens mit der grund- und rücksichtslosen Wirklichkeit als eine „Kunst der Resignation“ (Höhlenausgänge; S. 791) umschrieben. Die Kunst der Resignation ist eine Kunst des Abschiednehmens von überdehnten Sinn- und Fürsorgeansprüchen. Sich abzufinden mit dem, was zugemutet wird – wäre das der Beitrag einer Philosophie als Lebenskunst? -

Die beheizte Stube in klirrender Winterkälte – auch das ist eine Stätte der Zuflucht vor dem Absolutismus der Wirklichkeit; so wie ja schon das Geborenwerden das Verlassen einer Höhle ist, nämlich einer Höhle der Geborgenheit. Das, was lebensgeschichtlich der Mutterschoß ist, ist biblisch das Paradies und evolutionsbiologisch das Meer. Der Mensch – das ausgesetzte Wesen, immer auf der Suche nach Notunterkünften. Erfahrbar wird die Welt womöglich nur unter Weltverzicht. Oder anders gewendet: Der menschliche Bedarf an Realismus ist begrenzt. -

Mit ihm auf der Bühne zu stehen und Musik zu machen, war immer mit Spaß verbunden. Er war das, was man einen „Gemütsmenschen“ nennt. Es stimmt mich traurig und macht mich sehr nachdenklich. Gestern morgen verstarb Ulrich.

Ich danke Dir für die letzten drei wunderbaren Tage. – Für die Nachtspaziergänge. – Für das Wolldeckenasyl zum Schutz gegen die Filmmonster. – Für das Wärmen meiner Hände. – Für die nächtliche Reisebegleitung der Phantasie in dunkle Wälder und zu fernen Gestirnen. – Für die Einrichtung meines neuen Handys. – Für Deine Zärtlichkeit.

Ich erinnere mich an eine Nacht mit Dir am Strand. Vor uns ein Meer, über uns ein Meer, ein Sternenzelt, das sich vom Horizont an über unsere Köpfe erstreckt. Ich spüre die Wärme Deines Körpers. Aus der Ferne dringt das Geräusch der großen Schiffsturbinen an unsere Ohren. Ab und zu kreischt eine Möwe am Nachthimmel. – Was ist der Mensch im Angesicht eines kosmos? Pascals „unendliche Weiten“ kommen einem in den Sinn. Was war das für eine Philosophie, die noch über einen kosmos-Begriff in ihrem Grundrepertoire verfügte! Göttliche, schmuckvolle Ordnung. Ich möchte mit Dir in diesen kosmos hineinfliegen; zum Mond wie in einer frühen Kindheitserinnerung der Maikäfer Sumsemann mit Peterchen und Ursel flog. Wir würden der Regentrude und der Blitzhexe einen Besuch abstatten und auf der Sternenwiese Rast machen. Ich kuschle mich in Deine Jacke, möchte in Dich hineinkriechen. – Wenn ich mal tot bin, werde ich einen unbescheidenen Wunsch an den Schöpfer richten: Ich möchte ein Stern sein, der Dir leuchtet. :-) Der kosmos schweigt. Weit in der Ferne das Licht des Leuchtturms. Ein Sternchen direkt über uns blinkt. -

Mich naßregnen zu lassen, könnte eine neue Lieblingsbeschäftigung werden. Am Sonntag regnete es so, daß man keinen Hund hätte nach draußen schicken mögen. Der Merfelder Bruch war wie ausgestorben. Kein Mensch weit und breit. Dauerregen und Wind. Die Wege, die kaum noch zu erkennen waren, waren mit nassem Laub bedeckt, der Himmel ein einziges Grau. – Plötzlich war aus dem Unterholz ein Knacken zu hören. Man denkt dann als erstes an einen Hasen, den man aus seiner sonntäglichen Ruhe aufgestöbert hat. Doch dann sah ich ihn in einer Entfernung von vielleicht fünfzig Metern stehen – ganz still und regungslos. Ein Rothirsch. Den Kopf mißtrauisch zur Seite geneigt beargwöhnte er mich. Ich rührte mich nicht. In meiner Jackentasche suchte ich unauffällig nach meinem Handy, verwarf aber den Gedanken an ein Photo angesichts des dunklen Waldes und des strömenden Regens bald wieder. – Wir standen etwa eine Minute und blickten uns an. – Langsam ging ich weiter. Das Gefühl überkam mich, in einem fremden Territorium zu sein. War ich in seine Lebenswelt eingedrungen? Das Wild in dieser Region ist mit Menschen relativ vertraut, da es bei schönem Wetter oft viele Menschen in die weitläufigen Fluren des Bruchs zieht. Aber an diesem Nachmittag waren wir zwei ganz allein – der Hirsch und ich. In der nun folgenden halben Stunde geschah  etwas Ungewöhnliches: Der Hirsch zog parallel zu mir durch den Wald, an manchen Stellen nur noch dreißig, vierzig Meter von mir entfernt. Schließlich machte der Weg eine scharfe Biegung und es trennten sich unsere Wege. Von einer kleinen Anhöhe aus, sah ich ihn ein letztes Mal, ehe er im Dickicht des Waldes verschwand – ruhig und majestätisch.

Sich naßregnen zu lassen, vermeidet man im allgemeinen. – Es sei denn, es geschieht zu einem Zeitpunkt, da man sich der durchnäßten Kleidung beizeiten entledigen kann und – eine geeignete Landschaft bildet zum Regenguß die Kulisse. Geeignet ist etwa ein See – schon deshalb, weil auch sein Element das Wasser ist. Von Wasser umgeben zu sein, von ihm eingehüllt und durchdrungen zu sein, bedeutet für einen Landtreter, der Natur ein Stück mehr ausgesetzt zu sein. - Zwar spricht die Natur noch nicht zu einem, aber man hört dem Regen den bestimmten Artikel gleichsam an. Vielleicht schaut er einen an. – Das kleine Mädchen, das mich am Ende meines Spaziergangs aus dem sicheren Wageninneren anstaunte, mag gedacht haben, ich käme vom Schwimmen. Kinder haben Ideen. Aber zurückkehren wollte ich da auch nicht mehr. :-)