Spaziergänge mache ich am liebsten nachts; vorzugsweise bei Regen. Das mag daran liegen, daß man sich dann von den anderen durch die Unwirtlichkeit der Bedingungen getrennt weiß. Man hat die Welt gewissermaßen allein. Es gibt aber auch Ecken, an denen man tagsüber ziemlich sicher sein kann, niemandem zu begegnen. Einer meiner liebsten Wegstrecken führt am Dortmund-Ems-Kanal entlang. Der Weg geht hier irgendwann in eine Art Treidelpfad über und auch der verliert sich bald darauf ins Nichts. Es wird unwegsam und bei Regen braucht man festes Schuhwerk, um weiterzukommen. Auf der einen Seite das Wasser, auf der anderen wird der Weg begrenzt von einem Naturschutzgebiet. – Gestern regnete es in Strömen. Die Wiesen und Felder standen unter Wasser; alles war matschig und rutschig. Auf dem Kanal glitten langsam die Schiffe vorbei; die Schiffer schauten mitunter leicht verblüfft aus ihren Kajüten auf den einsamen Spaziergänger. Man winkte anteilnehmend. – In den Wäldern ringsum lagen viele Bäume von den letzten Winterstürmen entwurzelt, die schwarzen Äste mit Moos bewachsen. Über mir kreisten dunkle Vögel, Raben meist, die sich meine Ankunft mit kreischenden Zurufen mitteilten. Der Himmel grau in grau. Zwei Stunden hört man nichts als das dumpfe Geräusch der eigenen Schritte im Gras und dazu das gleichmäßige Geräusch des Regens, ab und an Vögel und alle Viertelstunde das Tuckern eines Schiffsdiesels. Man ist der Welt zu einem kleinen Stück abhanden gekommen. Wäre man es vollständig, so möchte man es hier sein. -

(Der Dortmund-Ems-Kanal bei Senden)